HINGABE: über das Loslassen.

September 2, 2018

 

 

 

Es gibt Phasen im Leben, da kommt man nicht mit. Nicht mit seinen Ansprüchen an sich selbst, der Umgebung oder dem Leben allgemein.

In solchen Zeiten bemüht man sich um Stabilität, zumindest in der eigenen Yogapraxis. Oft dient die Yoga- und Meditationspraxis als Konstante, als Anker zur Ruhe. Ich selbst konnte so schon diverse holprige Abschnitte elegant hinter mich bringen.

 

Und nun? War ich durch eine körperliche Einschränkung nicht in der Lage, Yoga zu üben oder zu meditieren. Diese Veränderung hielt mich so sehr gefangen, dass ich eigentlich nicht viel tun konnte außer liegen und – zu meiner Schande – fernsehen gucken. Ich bin jetzt Profi in Brautkleidern, im Beurteilen, was ein perfektes Abendessen ist, und im Klatsch und Tratsch der A – Z Prominenz dieses Planeten (dank des wahnsinnig spannenden Nachmittagsprogrammes im deutschen Fernsehen).

 

Immer wieder lag ich hier und fragte mich verzweifelt, was aus meinem Leben geworden war. Mit den schönen, erdenden Routinen, der belebenden und gleichzeitig beruhigenden Yogapraxis. Meiner Fitness. Oh Mann. Ich tat mir leid und jammerte, ich sei nicht ich selbst. Ich fragte mich, wann ich endlich wieder ich sein dürfte.

Obwohl ich wusste, dass es vorbei gehen würde, war ich immer wieder so verzweifelt. Zwischendurch weinte ich auch, weil ich das Gefühl hatte, ich hätte mich verloren.

 

Für mich waren und sind diese Wochen sehr lehrreich. Obwohl ich behaupten würde, dass ich in meiner Spiritualität verwurzelt bin, dass ein tiefes Vertrauen und eine großes Mitgefühl mich erfüllt, war ich immer wieder abgelenkt. Mein Ego (im buddhistischen Sinne) versuchte mir immer wieder weis zu machen, dass ich meine Praxis, meine Aktivität bin. Ich bin ich, wenn ich Yoga übe. Ich fühle mich nur gut, wenn ich mich bewege. Ich komme nur zur Ruhe, wenn ich meditiere. Ich verliere meine innere Ruhe, wenn ich nicht meditiere. Ich werde unbeweglich, untrainiert und ja, vielleicht auch dick, wenn ich mein normales Bewegungspensum nicht durchziehe. Ich verblöde, wenn ich fernsehe (haha, wobei man das wohl als einzig wahre Aussage werten muss!!!). Täglich meldete sich diese Stimme. Und machte mir ein schlechtes Gewissen, obwohl es mir nicht gut ging. Obwohl ich jeden Grund hatte, zu liegen und ja, vielleicht sogar stumpf in die Glotze zu gucken.

 

Es ist so spannend, wie das Ego die Kontrolle übernimmt, wenn man schwach und verletzlich ist. Es kommen Glaubenssätze hoch, von denen man glaubte, sie gelöst zu haben. Und ich finde, dass es völlig gleichgültig ist, warum man in so einer Phase ist. Sei es eine Verletzung, die einem Schmerzen bereitet, ein Magen-Darm-Problem, das einen die ganze Zeit Übelkeit beschert, ein Infekt, der die Nase laufen lässt, oder vielleicht auch Kummer, weil man jemanden verloren hat, der einem wichtig war.

 

Je mehr ich mich dagegen wehrte, desto schlimmer wurde es, desto lauter maulte mein Ego, ich würde mich verlieren, wenn ich nicht endlich etwas dagegen tun würde.

 

Und irgendwann ergab ich mich in meinen Zustand und hörte auf, mich zu wehren. Ich ließ zu, dass ich Mitgefühl mit mir hatte. Niemand liegt im Hochsommer gerne auf dem Sofa, statt sich aufs Rad zu schwingen und an den See zu fahren. Mir ging es einfach nicht gut. Ich versuchte, mich zu trösten, liebevoll mit mir umzugehen, als sei ich eine gute Freundin, um die ich mich kümmerte. Komplett gelassen wurde ich nicht, aber ich hatte längere Phasen, in denen es ok war. In denen ich mich bemühte, trotzdem präsent zu sein, achtsam mit mir – letztlich wie ich letzte Woche schrieb.

Ich wusste, dass dieser Zustand vorüber gehen würde, aber sicher war ich mir nicht. Ich übte Vertrauen und Zuversicht, wenn auch nicht in der klassischen Meditation.

 

Langsam geht es mir besser und ich bewege mich wieder mehr, meditiere wieder mehr und kann sogar tolle Bücher lesen. Wie z.B. The Wise Heart von Jack Kornfield. Es handelt von buddhistischer Psychologie. Das erste Kapitel behandelt unter anderem die Frage, wer wir wirklich sind. Bin ich „nur“ ich, wenn ich Yoga übe, meditiere, anspruchsvolle Bücher lese und mich um ein gesundes Leben bemühe? Bin ich „nur“ ich, wenn ich höchst motiviert tausend Dinge erledige, Sport mache und vor Energie sprühe? Bin ich etwa nicht mehr ich, wenn ich auf dem Sofa liege und Schrott im Fernsehen angucke?

 

Bin ich nicht eigentlich so viel mehr als das?

 

Ich wünsche Euch eine schöne Woche,

Charlotte

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